10.000 Gründercoaches für 400.000 Gründungen?

Einen Gastartikel von mir auf “gründertaxi.com” finden Sie hier:

http://www.gruendertaxi.com/index.php/blog/item/76-der-markt-für-gründungsberater-in-deutschland

 

 

Der Markt für Gründungsberater in Deutschland

- 10.000 Gründercoaches für 400.000 Gründungen?

Bei meiner allerersten Begegnung mit Prof. Faltin vom Lehrstuhl Entrepreneurship der FU Berlin, wurde ich mit den Worten empfangen: „ Von Coaches halte ich überhaupt nichts“.

Woher kommt es, dass Gründungsberater einen so schlechten Ruf haben? Im Folgenden wird versucht die Szene der Gründungsberatung in Deutschland anhand der Kriterien Organisationsgrad und regionalen Unterschieden zu durchleuchten sowie sich den Qualitätskriterien zur Auswahl eines guten Gründercoaches anzunähern.

Laut BMWI und KfW Gründungsmonitor werden jährlich im Schnitt 400.000 Unternehmen gegründet. Die Beraterbranche insgesamt zeigt ein schillerndes Gesicht. Das Statistische Bundesamt spricht von 70.800 Unternehmensberatern (2010), davon 95% kleine Unternehmen mit weniger als 9 tätigen Personen und rund 80% mit weniger als 250.000 Euro Jahresumsatz. Die meisten Unternehmensberater, so die Genossenschaftsbanken in ihrem „VR Gründungskonzept“ (Stand 01/2013), seien als Einzelkämpfer oder in losen Netzwerken und Bürogemeinschaften organisiert.

Das „Institut für Freie Berufe“ weist 35.000 freiberuflich tätige Unternehmensberater auf und der Branchenverband BDU spricht von 14.000 klassischen Unternehmensberatungen. Eine seit Jahren konstante Zahl.

Neben dem „Institut für freie Berufe“ und dem BDU gibt es weitere, bundesweit tätige Netzwerke und Zusammenschlüsse:

  1. Die KMU-Berater (Bundesverband freier Berater e.V.). Der Bundesverband freier Berater e.V. wurde 1997 gegründet und hat 145 Berater in seiner Datenbank. Er ist in 8 Fachgruppen und 5 Regionalgruppen gegliedert. Im Jahr finden zwei Fachtagungen statt. Betrachtet man die regionale Verbreitung der Berater, so liegt der Schwerpunkt deutlich in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
  2. BDSU (Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen). Der BDSU, 1992 gegründet, hat 2200 Mitglieder an 26 Standorten. Der BDSU hat eigene, in Anlehnung an die ISO 9001, entwickelte QM-Richtlinien. Diese Standards werden einmal im Jahr in einem eintägigen Audit durch den Vorstand geprüft.
  3. firma.de (Michael Silberberger). Der Zusammenschluss firma.de wurde von Michael Silberberger und Christian Manthey gegründet. In der Beraterdatenbank sind 70 Berater in verschiedenen Regionen Deutschlands gelistet. In letzter Zeit scheint der Aufbau nicht weiter voranzukommen, einige Berater springen wieder ab, Veranstaltungen werden abgesagt.
  4. gruendungszuschuss.de (Andreas Lutz und Christian Bussler). Die von Andreas Lutz gegründete Online-Plattform richtet sich hauptsächlich an Gründer. Die Beraterdatenbank ist nicht zugänglich. Aber es werden zahlreiche qualifizierte Berater in 17 Städten versprochen, die der Ratsuchende über ein Kontaktformular erreichen kann.
  5. IHK und HWK. Auch die Industrie- und Handelskammern übernehmen Beratertätigkeiten. In Deutschland gibt es 80 IHK’s, verteilt auf alle Bundesländer. Die IHK Berlin führt 17„institutionelle Ansprechpartner“ in Berlin auf. Darunter Ansprechpartner der IHK Berlin, der IBB, des „Medienboards Berlin-Brandenburg GmbH“, „Projekt Zukunft“ und andere. Statistiken finden Sie im DIHK-Gründerreport 2012. Außerdem gibt es 53 Handwerkskammern im gesamten Bundesgebiet, die Gründer beraten.
  6. unternehmenswelt.de. Das von René Wendler gegründete Online-Portal richtet sich mit einem Businessplan-Tool direkt an Existenzgründer. Es soll rund 1.000 Berater geben, von denen ca. 100 qualifiziert und bundesweit eingesetzt werden.

Die Region Berlin spielt seit vielen Jahren eine besondere Rolle im Gründungsgeschehen. So hat Berlin die höchsten Gründerquoten und hier entwickelte sich „eine geografische Agglomeration von Akteuren, die im selben Technologiefeld agieren – auf Neudeutsch kurz: ein Cluster“ (Handelsblatt). So entstehen Netzwerke, in denen sich Gründer, Unternehmer, Experten und Geldgeber treffen. Sogar die New York Times spricht von der „Silicon Alley“ in Berlin, in Anlehnung an das Silicon Valley in Kalifornien, und meint die Torstraße in Berlin Mitte.

Einige wichtige Gründerberater-Netzwerke in Berlin, mit jeweils circa 20 Fachberatern sind:

  1. Existenzgründerhilfe (Norbert Naujoks und Torsten Marschner)
  2. Existentia (Margitta Heinecke)
  3. Garage (Sven Dönni, Guido Neumann)
  4. ACT – Advance Coaching und Training (Martin Willer)

Ein weiterer bedeutender Anbieter, Haldun Tekin, bekannt als HaTeBe, ist dabei seine KMU-Akademie noch in diesem Jahr großzügig auf- beziehungsweise umzubauen und sucht dafür noch tüchtige Dozenten und Referenten.

Insgesamt ergibt sich also ein Bild, dass den 400.000 Unternehmensgründungen eine noch nicht weiter bestimmte Anzahl von Beratern gegenübersteht. Da die Abgrenzung zwischen Unternehmensberatung und Gründungsberatung nicht exakt vorgenommen werden kann, wird hier von der reinen Gründungsberatung ausgegangen. So gibt es in der KfW Beraterbörse zurzeit genau 10.020 gelistete Berater mit der Zulassung Gründercoaching Deutschland.

Auf einem ganz anderen Blatt steht, auf welchem Qualitätsniveau Gründungsberater arbeiten. Wenn mir ein Gründungsberater erzählt er würde keine Bankkonzepte für den Gründer schreiben, da das „eh nicht, oder nur selten zum Erfolg führt“, dann spreche ich ihm die Qualifikation zu einem Gründungsberater ab. Schon aus diesem Selbstverständnis einzelner Gründungsberater, die sich aber in der Vielzahl als Einzelkämpfer am Markt darstellen und zeigen, ergibt sich das katastrophale Image eines Gründungsberaters in Deutschland. Die Stiftung Warentest hat zwischen November 2011 und Februar 2012 Existenzgründerseminare getestet und auch ganz erhebliche Mängel festgestellt. Das Thema der Qualitätskriterien sollte an anderer Stelle ausführlich diskutiert werden.

Übrigens begegnete ich im Jahr 2012 Prof. Faltin wieder. Gerade war mein Fachbuch „Erfolgskompass für Gründercoaches. Das Buch für Gründungsberater und alle die es werden wollen.“ erschienen. Ich übergab es ihm mit folgenden Worten: „Ich weiß, dass Sie nichts von Coaches halten. Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben, um die Qualität der Gründungsberatung zu erhöhen.“

Mit besten Grüßen ihr

Jan-Pieter van Nes

 

 

2 Kommentare zu “10.000 Gründercoaches für 400.000 Gründungen?”

  1. Guter Artikel, wir hatten gerade ein nettes Gespräch mit Firma.de. Ob wir da Mitglied werden, werden wir nun etwas genauer prüfen. ;-)

    Beste Grüße aus Essen

    Torsten Schrimper

  2. Vielleicht sollte man die Zahl an Gründungsberatungen als Ansatz nehmen da ja nur ein sehr geringer Teil der Gründer (ca. 7%) ein gefördertes Gründercoaching in Anspruch nimmt.
    Verteilt man diese Zahl auf die in der KfW beraterbörse gelisteten Berater so wird schnell klar das noch einige Berater als Karteileichen aus der Beraterbörse entfernt werden in naher Zukunft.,
    Es ist natürlich auch nicht förderlich für einen Gründer wenn er einen Berater/ in hat, die nicht wenigstens alle 2 Monate ein Coaching durch führt.
    Dies kann man sehr schnell in der Beraterbörse unter dem Reiter Erfahrung des Beraters erkennen.

    Wieviele Berater es 2014 nach Veränderung des Gründercoaching Deutschland für arbeitslose Gründer noch gibt bleibt ebenfalls ab zu warten. Haben sich doch auch einige der obene genannten Leadportale auf diese Zielgruppe eingeschossen.

    Gruss Klaus Schaumberger

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